
Am Kanaren-Topspot Pozo Izquierdo, Europas Windsurfing-Epizentrum, ist man Flugzeuge gewohnt. In der Hochsaison rauschen die mächtigen Maschinen im Minutentakt über den Köpfen der Windsurfer hinweg, um tausende sonnenhungrige Touristen am nahe gelegenen Flughafen in die Ferien zu entlassen. Kaum ein Brettsportler auf dem Wasser grübelt darüber, was um alles in der Welt die Flieger mit ihren Windsurfboards zu tun haben. Dabei gibt es hier einen wichtigen Zusammenhang, denn für ihre hohen Sprünge ist auch Luftfahrttechnologie verantwortlich.
Karbon – jeder will es, nicht jeder kann es sich leisten
Das Zauberwort lautet „Karbon“. In Faserform und zu Geweben verwoben stellt dieses Hightech-Material den Schlüssel zu leichten aber dennoch stabilen und vor allem leistungsfähigen Windsurfboards dar. Ganz im Gegensatz zu wesentlich einfacher aufgebauten Wellenreitboards müssen Windsurfbretter um ein Vielfaches höhere Kräfte aufnehmen.
Wer mit bis zu 90 km/h über das Wasser schießt, braucht einen leichten aber dennoch soliden Untersatz. Diese Eigenschaften werden durch einen komplizierten Aufbau und Materialmix erreicht. Bei der Herstellung von hochwertigen Windsurfboards werden hierzu die Karbon-Gewebematten in Kombination mit anderen Werkstoffen um einen speziellen Schaumkern laminiert. Karbon ist nicht nur leicht und dabei extrem steif sondern nimmt beim Auflaminieren zudem nur wenig Harz auf, was das Endprodukt wiederum leichter macht.
Der Kohlefaser-Verbund-Stoff, der in modernen Windsurfboards verarbeitet wird, aber auch Windsurfmasten und -gabeln so leistungsfähig macht, ist gefragter denn je. Das Material wird von den beiden größten Flugzeugherstellern Airbus und Boeing bei der Konstruktion der neuen Großraumjets gleich tonnenweise eingesetzt. Raumfahrt, Sportwagenhersteller und auch das Militär machten ebenfalls gute Erfahrungen mit dem federleichten Wunderwerkstoff. In logischer Konsequenz ziehen die Preise an.
Luftfahrt- und Windsurfindustrie nutzen die gleiche Technologie
Vor allem Airbus schlägt auf dem Weltmarkt kräftig zu. Sein neues Flaggschiff A380 hat einen besonders hohen Anteil an K1-Karbon, das auch modernen Windsurf-Brettern seine hervorragenden Eigenschaften verleiht. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem, und Hersteller von Karbon-Fasern kommen mit der Produktion nicht mehr hinterher. Deshalb werden in der Windsurfing-Welt Alternativen gesucht, die weniger kostspielig, dabei jedoch vergleichbar hochwertig sind.
Die Lösung dieses drängenden Problems trägt den Namen „Technora“ – ein etwas höheres Gewicht und eine etwas geringere Steifigkeit als Karbon kann das neue Material durch seine höhere Stabilität ausgleichen, denn genau hier liegt der Schwachpunkt des Karbons. Flächig verarbeitet, wie bei Surfbrettern üblich, ist es schlagempfindlich. Da kann es bei unsachgemäßem Umgang schon mal zu einem Loch im Board kommen. Das passiert in den meisten Fällen beim Transport oder am Land. Einmal in seinem Element Wasser angekommen spielt Karbon dann seine Stärken aus. Unter dem Strich kann man sagen, dass Technora als Werkstoffalternative also keineswegs zweite Wahl ist, sondern eher eine minimale Gradverschiebung zwischen Leistung und Benutzerfreundlichkeit darstellt.
Freizeitsurfer können beruhigt aufatmen
Doch auch Hobbysurfer, die ob der entsprechenden Preise aktueller Hightech-Ausrüstung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, können beruhigt sein. Exklusives Surfmaterial, basierend auf modernster Forschung und Technologie, kann helfen, die letzten Prozente aus einer Ausrüstung herauszukitzeln und auch bei grenzwertigen Bedingungen maximale Leistung zu erbringen. Um jede Menge Spaß auf dem Wasser zu haben, braucht man es jedoch nicht unbedingt. Allerdings profitieren gerade Freizeitsurfer von der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Materials, denn es ist heute in jeder Hinsicht deutlich besser als noch vor einigen Jahren…und auch dank Karbon und Technora wesentlich leichter!
Links
Trotz steigender Preise setzen einige Hersteller weiterhin auf Karbon als Werkstoff:
Der Boardhersteller JP Australia gibt einen detaillierten Einblick in die Konstruktionsweise von Windsurfboards.
Für die deutsche Marke Lorch ist der Einsatz von Karbon essentieller Bestandteil der Unternehmensstrategie. Das Zauberwort heißt hier „Full-Carbon“.
Die „Welt“ berichtet über Airbus und den Einsatz von Karbon beim Bau des A380.
„Spiegel Online" über Karbon in der Sportwagenindustrie: „Backe, backe Auto“
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