
Wenn man dieser Tage an Venezuela denkt, kommen einem unweigerlich Bilder aus den Nachrichten in den Sinn, die den linksgerichteten Staatspräsident Hugo Chavez zeigen. Venezuela befindet sich in einem politischen wie auch gesellschaftlichen Umbruch, bei der Chavez die zentrale Rolle zu spielen scheint. Seine politischen Ansichten polarisieren nicht nur im eigenen Land, sondern auch international.
Tourismusboom an den Karibikstränden
Da sich die Berichterstattung der internationalen Presse vornehmlich auf Chavez und seine Umstrukturierungspolitik sowie die damit verbundenen Konflikte auch mit anderen Staaten, wie beispielsweise den USA, konzentriert, geraten dabei positive Entwicklungen in Venezuela völlig in den Hintergrund. Das Land bietet 2800 km Küstenlinie und mehr als 50 in der Karibik gelegene Inseln mit enormem touristischem Potential. Vormals ärmliche Regionen entwickeln sich zu florierenden Tourismuszielen mit internationalem Flair. Maßgeblichen Anteil an diesem wirtschaftlichen Fortschritt hat das Windsurfen.


Windsurfen in Venezuela
Tropische Strände mit warmem, türkisem Wasser und beständigem Wind haben schon vor Jahren die ersten Windsurfweltenbummler an Venezuelas Küste gelockt. Heute ballt sich der Windsurfsport in Venezuela auf einigen wenige Spots wie den Olympia Stützpunkt in Lara, dem Wellenrevier in Adicora und dem kleinen Örtchen El Yaque auf der Isla Margarita, welcher als einer der Top Freestyle-Spots weltweit gilt.
Unter den Baseball-fanatischen Venezolanern fand das Windsurfen anfangs allerdings kaum Beachtung. Doch seit die ersten europäischen und nordamerikanischen Touristen vor mittlerweile fast 20 Jahren in El Yaque Einzug hielten, die ersten internationalen Windsurf-Reiseveranstalter für den Bau kleiner Hotels sorgten und das kleine Fischerdörfchen zu vermarkten begannen, boomt hier nicht nur der Tourismus, sondern auch der Windsurfsport. Nicht nur unter Freizeitsurfern sondern auch bei etlichen Profiwindsurfern sorgten karibisches Ambiente, hohe Windwahrscheinlichkeit und Badewannentemperaturen für eine stete Wiederkehr.
Trainingsrevier der Weltelite
Durch die Tatsache, dass einige Top-Windsurfer wie die US-Amerikaner Kevin Pritchard, Micah Buzianis oder Josh Stone El Yaque als Trainingsrevier auserkoren hatten, stieg das Niveau auf dem Wasser enorm und Windsurfen wurde so auch für die Dorfjugend immer attraktiver. Gerade die neu aufkommende Disziplin Freestyle hatte es den Jugendlichen, egal ob Fischersohn oder Wohlstandskind, angetan und bereits nach kurzer Zeit war abzusehen, dass einige der Einheimischen tatsächlich das Zeug haben könnten, in näherer Zukunft in den internationalen Windsurfzirkus einzusteigen.
Der Sprung ins internationale Rampenlicht
Als erster wagte im Jahr 2002 Diony Guadagnino schließlich den Sprung auf die internationale Bühne. Mit Unterstützung eines der mittlerweile zahlreichen Windsurfcenter entlang El Yaque´s Strand und seinem ersten kleinen Sponsoren Vorvertrag in der Tasche, reiste Guadagnino an den italienischen Gardasee zum prestigeträchtigen Freestyle Event „King of the Lake“ … und gewann diesen nicht nur, sondern setzte zudem neue Maßstäbe in dieser Disziplin.



Vorbild einer ganzen Generation
Schnell avancierte Guadagnino zum Vorbild der El Yaque Jugend, und bevor man sich versah, tauchten Guadagnino´s Schwester Colette, welche im Anschluss Freestyle-Weltmeisterin bei den Damen wurde, Ricardo Campello, Douglas „Cheo“ Diaz, Alexis Zabala und auch Jose „Gollito“ Estredo auf den Events der Worldtour der Profisurfer (PWA) auf. Nicht nur durch ihre ständigen Manöver-Innovationen sondern auch durch ihren geschmeidigen aber kraftvollen Stil sorgten sie fortan für Furore. Das Freestyle-Niveau steigt seither ins Unermessliche, und die Weltmeisterpokale dürften mittlerweile per
Dauerauftrag in den Süden der Isla Margarita geliefert werden.
Weltmeistertitel am laufenden Band
Dreimal in Folge gewann Ricardo Campello den Titel (2003, 2004, 2005), gefolgt vom jüngsten PWA Weltmeister der Windsurfgeschichte, Jose „Gollito“ Estredo (2006). Im Jahr 2005 stiegen mit Ricardo Campello, Douglas „Cheo“ Diaz und Jose „Gollito“ Estredo sogar ausschließlich Windsurfer aus El Yaque auf das Podium der PWA Jahresrangliste. Aber Freestyle ist nicht genug für die talentierten El Yaque-Jungs, auch der Angriff auf die vorderen Plätze in der Disziplin Waveriding wurde bereits gestartet.
Support aus der Industrie
Unterstützung für Planung, Training, Reisen und Vermarktung erhalten diese Top-Athleten ausschließlich durch internationale Firmen und Konzerne, vornehmlich aus der Windsurfbranche. Die größten Firmen mit den stärksten internationalen Teams haben nicht lange gezögert, die venezolanischen Wunderkinder aufzunehmen, darunter Marken wie North-Sails, Fanatic, NeilPryde, JP-Australia und Mistral. Aber was ist mit dem Staat Venezuela? Ricardo, Cheo und Gollito repräsentieren mit ihren herausragenden Leistungen Venezuela nicht nur auf der internationalen Windsurfbühne sondern haben so auch die Aufmerksamkeit auf ihre Heimreviere gelenkt und der Region maßgeblich zu einem wirtschaftlichen Aufschwung verholfen.
Ein Land im Wandel
Seit dem Amtsantritt von Hugo Chavez befindet sich Venezuela in einem stetigen Wandel, hin zur „sozialistischen Demokratie“. Die internationale Industrie verlässt teilweise fluchtartig das Land,nachdem internationale Finanztransaktionen von und nach Venezuela nicht mehr möglich sind und etliche Firmen, Grundstücke und Gebäude verstaatlicht wurden. Der Korruption ist Tür und Tor geöffnet. Gelder, welche zur Unterstützung nationaler Spitzensportler gedacht sind, versickern in den Behörden. Die Chancen auf ein Sponsoring durch in Venezuela ansässige Firmen sind fast aussichtslos geworden.
Reisebeschränkungen sind an der Tagesordnung
Nicht nur finanziell wird den Athleten die Ausübung ihres Sports erschwert. Auch das Reisen zu Wettkämpfen, Foto-Shootings und anderen Events wird für die Venezolaner zunehmend schwierig. Der radikale politische Kurs des Präsidenten stößt in vielen Ländern auf Ablehnung, allen voran in den USA, aber auch in Westeuropa. Der Besitz eines Reisepasses bedeutet nicht gleichzeitig, dass die venezolanischen Windsurfer frei reisen könnten. In mehr und mehr Ländern mit Visumspflicht, wird eben dieses immer häufiger verweigert, wie beispielsweise in den Vereinigten Staaten.


Hawaii bleibt ein unerreichbares Ziel
Gollito als amtierender Weltmeister (2006) und Cheo als Top 10 Platzierten war es somit bisher unmöglich an Events im Windsurf-Mekka Hawaii teilzunehmen. Auch die Teilnahme an wichtigen Foto-Shootings für ihre internationalen Sponsoren auf Maui oder das Wellentraining auf der pazifischen Inselgruppe ist für die beiden ein unerreichbares Ziel. Während sich Ricardo Campello und die Guadagninos in der glücklichen Lage befinden, im Besitz einer doppelten Staatsbürgerschaft zu sein, Campello reist mit französischem und brasilianischem Reisepass und die Guadagninos sind halbe Amerikaner, werden die neuen Nachwuchstalente, welche ebenfalls das realistische Ziel Worldcup verfolgen, vor stetig wachsende Probleme gestellt.
Die erste unsichtbare Mauer
So gibt es Bestrebungen der Regierung ihrerseits die Reisefreiheit ihrer Landsleute einzuschränken, die erste unsichtbare Mauer. Betroffen sind einige junge Nachwuchstalente, welche bereits hoffen und bangen jemals an der Worldtour teilnehmen zu können. Auf ihre Pässe warten sie bisher vergebens. Ein weiteres Problem könnte sich schon in naher Zukunft für die bereits etablierten Profis ergeben, denn jeder einzelne Venezolaner soll mehr Macht bekommen, so sieht es die Staatsregierung vor. Teilweise entscheidet dann nicht mehr die Landesregierung oder die Kommune über Gesetzesänderungen und neue lokale Regelungen, sondern die Ortsansässigen Bürger, in El Yaque sind das in der Mehrzahl die einheimischen Fischer.
Entscheidung liegt beim Dorfrat
Der internationale Erfolg, die Reisen und das Leben der Windsurfprofis hat nicht nur Bewunderung sondern auch Neid hervorgerufen. Und so ist es womöglich nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Ausreisegenehmigungen oder Passverlängerungen vom „Consejo Comunal“, dem kommunalen Rat, verweigert werden. Die Arbeitsvisa der ansässigen Ausländer müssen schon heute vom Dorfrat abgesegnet werden.
Auch Ausländer sind betroffen
Während Campello und Guadagnino diese Entwicklung nicht unbedingt interessieren müsste, sehen sie der Zukunft nach eigener Aussage trotzdem sehr kritisch entgegen, da auch das Leben der Bürger mit doppelter Staatsbürgerschaft und der in Venezuela lebenden Ausländer stark eingeschränkt werden dürfte. Douglas „Cheo“ Diaz wäre fast ein Opfer der bereits vorhandenen Beschränkungen geworden. Bereits jetzt wurde ihm sein Job als Profi-Windsurfer nach etlichen abgelehnten Visa-Anträgen derart erschwert, dass er kurzfristig gar an die Beendigung seiner erst kurzen Karriere dachte.
Enttäuschung macht sich breit
Die Enttäuschung über die Reisebeschränkungen kommen bei Jose „Gollito“ Estredo bei der Betrachtung der neuesten Windsurf-Videos zum Vorschein. Da sieht er dann, wie das komplettes Team seines Sponsors (North Sails, Fanatic) vor der Kamera brilliert, und er als einer der Stars des Teams wieder einmal nicht dabei sein konnte, denn der Dreh fand auf der zu den USA gehörenden Hawaii-Insel Maui statt. An weitere Beschränkungen glaube er aber nicht, wohl auch da er in El Yaque geboren ist, und somit auch ein großer Teil seiner Familie bei weiteren Einschränkungen durch den Dorfrat ein Mitspracherecht hätte.
Ungewisse Zukunft
Nachdem Präsident Chavez beim letzten Referendum seinen Platz an der Spitze der Regierung festigen konnte, seine Amtszeit gleich um mehrere Jahre verlängerte und wie es scheint massiven Einfluss auf die Zusammensetzung des obersten Gerichtshofs nimmt, wird das Ziel, die Errichtung einer „sozialistischen Demokratie“ in Venezuelas, nun wohl noch intensiver verfolgt werden. Der immense Ölreichtum des Landes gibt ihm die nötigen finanziellen Mittel dazu an die Hand. Was das genau für Venezuela und seine Windsurf-Profis bedeutet, steht noch in den Sternen. Es bleibt aber zu hoffen, dass der Staat den Begriff sozial richtig deutet und sich ebenso verhält.
Ungebrochener Drang zum Reisen
Die Top-Windsurfer und die Nachwuchstalente aus dem Fischerdörfchen El Yaque, welches sich zum Touristen-Hotspot für Windsportler entwickelte, werden weiterhin hart für ihre Erfolge trainieren, ihren Sport genießen, mit immer neuen, extremen Manövern auftrumpfen, Teile der Welt bereisen und kennen lernen und vielleicht auch eines Tages in Windsurf-Mekka Hawaii der Welt zeigen können, was sie auf der Isla Margarita trainiert haben.
Links
Gollito Estredo
Ricardo Campello
http://www.pwaworldtour.com/index.php?id=7&tx_pwasailor_pi1[showUid]=85&cHash=e2b1d76e20
Diony Guadagnino
http://www.pwaworldtour.com/index.php?id=7&tx_pwasailor_pi1[showUid]=78&cHash=40c9ed7d78
Josh Stone
http://www.pwaworldtour.com/index.php?id=7&tx_pwasailor_pi1[showUid]=155&cHash=3cb0a53bd4
Kevin Pritchard
http://www.pritchardwindsurfing.com/
Micah Buzianis
http://www.micahbuzianis.com/
Alexis Zabala
http://www.pwaworldtour.com/index.php?id=7&tx_pwasailor_pi1[showUid]=358&cHash=62c88a738f
Douglas Diaz
http://www.pwaworldtour.com/index.php?id=7&tx_pwasailor_pi1%5BshowUid%5D=355&cHash=a98b
01ec55
El Yaque
http://www.soulrider.com/surfspot/el-yaque_283
http://de.wikipedia.org/wiki/Isla_Margarita
PWA Worldtour
http://www.pwaworldtour.com
Consejo Comunal
http://www.consejoscomunales.gob.ve/
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