
...36 Jahre alt, seit 14 Jahren Windsurfprofi, 27-fache Weltmeisterin, eine der erfolgreichsten Windsurferinnen und nun auch Managerin.
Vor wenig Tagen musste Karin Jaggi den Geschwindigkeits-Weltrekord über die 500 Meter Königsdisziplin an die Kitesurferin Sjoukje Bredenkamp abgeben. Doch das macht nichts, denn Karin Jaggi liebt die Herausforderung. Es spornt die weltschnellste Windsurferin erst recht an, ihren eigenen Rekord von 76 km/h zu verbessern und den Weltrekord zurück zu erobern.
Karin Jaggi behauptet von sich selbst, ein Adrenalin-Junkie zu sein: „Je belastender und risikoreicher eine Situation ist, desto interessanter erscheint sie mir“, sagt sie. Dass das Wasser bei solchen Geschwindigkeiten bei einem Sturz hart wie Beton sein kann, schießt der 36-Jährigen Schweizerin schon manchmal durch den Kopf. Doch solche Gedanken werden beiseite geschoben, sie ist ein absoluter Wettkampftyp. Am Ende dieser Woche bekommt sie auf Sylt ihren 27. Weltmeisterpokal von der Vereinigung der professionellen Windsurfer PWA (Professional Windsurfers Association) überreicht, abermals in der Renndisziplin Slalom. Ihre konstant hervorragenden Leistungen in dieser Saison sicherten ihr den Titel bereits vor dem offiziell letzten Rennevent auf Sylt.
Aber nicht nur Geschwindigkeit zeichnet sie aus. Karin Jaggi ist international eine der erfolgreichsten und erfahrensten Windsurferinnen. Sie hat ihre Hausaufgaben immer gut gemacht und steht nun inmitten einer beachtlichen Karriere. Ihr Diplom in BWL schaffte sie per Fernstudium, um auf der Tour der professionellen Windsurfer dabei sein zu können. Scheinbar nebenbei gewann sie im Laufe der Jahre insgesamt 27 Weltmeistertitel in den verschiedenen Rennserien des internationalen professionellen Windsurfsports. Sie managt seit Juli die Belange der Marke F2 und vertritt als Fahrersprecherin auf der internationalen Profitour (PWA) vor allem die Interessen der Frauen im Windsurfsport.
Ans Aufhören denkt Karin noch lange nicht. Das Windsurfen ist ihr Leben und sie kann sich nichts Schöneres vorstellen. Doch es war nicht immer leicht für eine Dame in einer Männerdomäne. Heute steht sie wunderbar da und strahlt rundum Zufriedenheit aus.


World of Windsurfing e.V. (WOW): Wer ist Karin Jaggi? Erzähl uns kurz von dir. Was für ein Charakter bist du?
Karin Jaggi (KJ): Ich bin eher der ruhige überlegte Typ. Dazu sehr zielstrebig und äußerst ausdauernd. Ganz nach dem Motto „wo ein Wille ist – da ist auch ein Weg“ glaube ich nicht, dass einem Sachen geschenkt werden, sondern dass man sich sein eigenes Leben erarbeitet. Weiter bin ich ein Adrenalin-Junkie und der Wettkampftyp: je belastender und risikoreicher eine Situation ist, desto interessanter erscheint sie mir.
WOW: Du bist die schnellste Windsurferin der Welt. Wie fühlt es sich an mit über 76 km/h über die Wasseroberfläche zu schießen?
KJ: Beim Rekord fühlt sich dies alles ganz leicht, fließend und überhaupt nicht schnell an. Denn wenn man einen Rekord fährt muss alles stimmen. Die Läufe zuvor und danach – wo ich nach Zeitmessung langsamer war – fühlten sich dagegen viel krasser an. Wen man nicht hundert Prozent Kontrolle hat denkt man öfters mal daran, dass das Wasser beim Sturz mit dieser Geschwindigkeit wie Beton sein wird, der Wind erscheint einem unendlich böig und man kämpft dagegen,...
WOW: Windsurfen ist immer noch eine Männerdomäne, obwohl immer mehr Damen im Profizirkus aufhorchen lassen. Wie hast du es geschafft, dich über die Jahre so gut zu behaupten?
KJ: Als ich angefangen habe waren die Damenfelder immer voll – d.h. immer 32 Frauen am Start. Dann wurde es finanziell schwieriger auf Tour zu überleben – und als erstes mussten die Mädels daran glauben. Sie verloren ihre Sponsoren und somit auch die Lust in dieser Männerdomäne zu überleben. Unterdessen geht es den Jungs finanziell genau so schlecht und somit gleicht sich die Bewegung wieder etwas aus.
Wer heute auf Tour ist macht es ganz bestimmt nicht wegen dem Geld – sondern weil Windsurfen sein Leben ist – und die PWA Worldtour sein Kindheitstraum. Bei mir stand dies von Anfang an im Vordergrund – deshalb bin ich auch noch heute dabei. Ich habe wohl so lange auf der Tour überlebt, weil ich ein wirklicher Wettkampftyp bin. Und weil ich so viele gute Freunde im Windsurfen gefunden habe.

WOW: Hast du Vorbilder?
KJ: Nicht wirklich. Ich habe nie jemanden wirklich bewundert oder sogar verehrt. Das ist mir komplett unverständlich – auch wenn es um Popstars oder ähnliches geht. Alles nur Menschen und oft ganz anders als du sie dir vorstellst. Aber ich habe immer Personen respektiert für das was sie können oder geleistet haben.
WOW: Wie war das als du dich entschlossen hast, professionelle Windsurferin zu werden? Wie kam es dazu? Hattest du auch manchmal Bedenken?
KJ: Als Kind machte ich viele andere Sportarten auch wettkampfmäßig. Erst mit 17 Jahren entdeckte ich das Windsurfen: Liebe auf den ersten Blick. Von da an wollte ich nichts anderes mehr machen und mir war immer klar ich möchte Windsurfen wettkampfmäßig betreiben. Ich habe nie an mir gezweifelt – ich habe gar nie daran gedacht, dass ich es nicht schaffen könnte – alle anderen (vor allem die Schweizer Medien) allerdings schon. Schlussendlich habe ich es nur geschafft, weil mich Freunde unterstützt haben. Thomi Keusch von Spinout (noch heute eine Schule in Südfrankreich) hat mir viel gezeigt, mich zu meinen ersten Regatten begleitet und mir auch finanziell geholfen in dem er mich in seiner Station einstellte. Einige Windsurfbegeisterte von Magglingen (unsere offizielle Sportschule in der Schweiz) haben mich optimal gefördert: Ausgleichssport, medizinische Beratung, Mentaltraining. Alles was sonst wohl kaum ein anderer Profiwindsurfer hatte.
WOW: Vom Windsurfen leben zu können ist sicher nicht einfach? Was sind für die positiven Seiten am Beruf Profi-Windsurfer?
KJ: Positiv ist definitiv die Stimmung in der Szene. Man kann nur gemeinsam überleben und deshalb hält man zusammen. Windsurfen ist eine kleine Sportart ohne große finanzielle Mittel – für mich ist dies das schöne daran: Windsurfer halten zusammen, leben zusammen für ihren Sport und helfen sich gegenseitig. Dazu kann ich hier 27 Weltmeistertitel sammeln und doch noch sozusagen unbekannt über die Straße gehen. Für mich persönlich ein großer Pluspunkt.



WOW: Was waren die größten Erlebnisse in deiner Laufbahn als Windsurferin?
KJ: Extreme Bedingungen: sehr viel Wind beim Speedrekordversuch in Südfrankreich oder riesige Wellen in Australien. Es ist das Naturerlebnis, welches Windsurfen so einzigartig macht. Und wenn die Natur aus den Fugen gerät ist dies einfach beeindruckend.
WOW: Und was waren die größten Rückschläge, die du überwinden musstest?
KJ: Wie bei jedem Sportler – wenn es mal nicht mehr so läuft. Das kommt natürlicherweise mit einer Unsicherheit, was man machen sollte und möchte... Der wirklich erfolgreiche Sportler zeichnet sich nicht durch errungene Medaillen aus, sondern durch die Überwindung von Niederlagen. Im 2003 und 2004 konnte ich keinen einzigen Weltmeistertitel erringen – damals hätte ich fast meine Karriere beendet – außer dass ich immer träumte auf dem Höhepunkt auszusteigen und nicht im Tief... so habe ich weitergemacht und bis heute 12 weitere Weltmeistertitel errungen.
WOW: Von wem bekommst du am meisten Unterstützung? Wer ist dein sprichwörtlicher „Fels in der Brandung“?
KJ: Eigentlich bin ich ein Einzelkämpfer und glaube auch dass ich es ganz alleine geschafft habe. Aber Freunde sind mir trotz allem wichtiger als alles andere. Das hat nicht mit Leistung sondern mit Lebensqualität zu tun. Patrik Diethelm ist zweifellos der wichtigste Mensch in meinem Leben. [Anm. WOW: Patrik Diethelm hat 2008 den Speed Weltrekord auf einem handelsüblichen Serien-Windsurfboard von F2 erobert]
WOW: Schilder uns doch bitte einmal kurz deinen Windsurfalltag. Wie sieht der aus? Z.B. ein Tag während der Saison in einem „Alltagsmonat“.
KJ: Einen Windsurfalltag gibt es nicht. Jeder Tag ist anders – das macht dieses Leben so schön! Im Allgemeinen bin ich aber ein Morgenmensch. Deshalb klingelt mein Wecker eher früh – nach 6 Uhr war er nie in den letzten paar Monaten. Dann kommt erst mal die „Büroarbeit“ – früher habe ich um die Zeit für die Uni gebüffelt (als meine Zimmergenossen alle noch schliefen) heute kümmere ich mich um PWA Angelegenheiten, Medienarbeit und vor allem um F2. Ist es ein Wettkampftag muss ich dann meistens so gegen 10 Uhr an den Strand – der Laptop kommt immer mit, weil es könnte ja kein Wind sein. Auch wenn kein Wettkampf ist, richtet sich der ganze Tagesablauf natürlich nach dem Wind: es gibt einfach kein besseres Training als Windsurfen zu gehen. Erst wenn ein Tag keine Action bringt denke ich an Ausgleichssport, Wellenreiten, Laufen, Radfahren oder auch nur Stretching stehen dann auf dem Programm. Abends verbringe ich dann meistens Zeit mit meinen Freunden
WOW: Der Slalom Weltmeistertitel 2008 ist dir wieder sicher. Wie bereitest du dich auf einen wichtigen Wettkampf vor?
KJ: Kommt ganz auf die Disziplin an. Im Slalom geht es um die optimale Materialeinstellung und das Kennen lernen des Reviers. Jeder Spot ist anders und erfordert deshalb Anpassungen des Materials aber auch des Fahrstils. Deshalb bin ich immer ganz gerne ein paar Tage vorher vor Ort. Am Wettkampftag selber ist für mich wichtig, dass alles perfekt organisiert ist. Ich bin eher früh am Strand, habe immer alles ready (aufgebaut) und gehe meist als erste aufs Wasser. Nur wenn ich nicht gut vorbereitet bin werde ich nervös. Wenn alles ready ist – bin ich ruhig, kann mich voll konzentrieren und suche dann etwas Distanz zu den anderen vor dem eigentlichen Start. Ich bin nicht der welcher herum hüpft, noch schnell was holen muss, bei den anderen schaut welche Segelgröße sie fahren, etc. Ich teste meist kurz mein Material aus, entscheide mich für eine Wahl, und bereite mich dann mental aufs Rennen vor, indem ich mir vorstelle wie es gleich ablaufen wird.
WOW: Du bist ja nun schon einige Jahre im Profizirkus dabei. Hast du schon mal ans Aufhören gedacht?
KJ: Schon mehrmals. Wenn es schlecht lief, wenn es unendlich mühsam war, wenn wieder mal kein Wind war, etc. Schlussendlich gibt es aber kein schöneres Leben! Natürlich wird irgendwann mal Schluss sein mit dem Wettkampf – aber Windsurfen werde ich bestimmt bis an mein Lebensende!
WOW: Wie stellst du dir deine Zukunft vor? Stell dir vor, du bist 50 Jahre alt, wo siehst du dich dann?
KJ: Keine Ahnung! Ich möchte gar nicht solange im Voraus was Fixes planen. Mein Ziel ist es einfach immer eine Herausforderung zu haben und mein Leben weiterhin so frei leben zu können.
WOW: Du bist nun auch ins Management des Profisports eingestiegen durch dein Engagement bei der PWA. Welche Aufgaben hast du nun? Und was sind deine Ziele?
KJ: Ich bin als Fahrervertreter gewählt – von allen – aber natürlich vertrete ich da insbesondere die Frauen auf Tour.
WOW: Wenn du keine Profiwindsurferin wärst, welchen Beruf hättest du dann?
KJ: Wichtig für mich ist nur, dass ich selbständig wäre – egal in welcher Branche es eine Herausforderung ist – und dass ich mich mit meinem Beruf identifizieren kann.
WOW: Wie sieht ein perfekter Tag aus im Leben von Karin Jaggi?
KJ: Schöne Windsurfbedingungen, mit einigen guten Freunden auf dem Wasser (alleine macht es nicht halb soviel Spaß!) und kein Internet oder Mobiltelefonempfang.
Geburtstag: 02. Dezember 1971
Geburtsort: Bern, Schweiz
Aktueller Wohnort: Schweiz/Australien/Gardasee
Disziplinen: Speed, Slalom, Wave
Windsurfen seit: 1989
Sponsoren: F2, North Sails, O’Neill, Choco Fins, SpinOut, TWB
Deine wichtigsten Erfolge: 27-Weltmeistertitel; Speed Weltrekord 2005
Website: www.karinjaggi.com
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