
Es ist Sommer in Deutschland. Walter S., 56 Jahre alt und Vater von drei Kindern, sitzt im Büro seines Kieler Architekturbüros und schaut aus dem Fenster. Sein Blick richtet sich auf den Wipfel eines Baumes auf dem Nachbargrundstück. Die Äste biegen sich in einem lauen Sommerwind. Es ist einige Zeit her, dass Walter sich für Wind interessierte, aber das war früher anders.
Teil einer einzigartigen Bewegung
Er war in den 80er Jahren einer von vielen passionierten Windsurfern. Es war ein wahnsinniger, wilder Spaß, mit nassen Haaren unter der strahlenden Sonne über das Wasser zu rauschen. Was der Rock’n’Roll für die Musik war, war Windsurfen für den Sport. Windsurfen war viel mehr noch als ein Sport, Windsurfen war ein Lebensgefühl. Werte wie Unabhängigkeit und Freiheit konnten hier ausgelebt werden, für die in den traditionellen Sportvereinen wenig Platz war. Walter war Teil dieser einzigartigen Bewegung.
Mit den Kindern zusammen zurück aufs Board
Bedingt durch die Familiengründung hat er das Windsurfen nach einigen Jahren aufgegeben. Vor kurzem aber erst waren es seine heranwachsenden Kinder, die ihn nach 20 Jahren wieder zum Windsurfen brachten. Eigentlich wollten sie von ihm nur die Grundtechniken gezeigt bekommen. Auf diesem Weg entdeckte er mit großer Begeisterung seine damalige Leidenschaft neu. Er erzählt mit leuchtenden Augen von den Erfolgserlebnissen, die sich nach der langjähriger Surfabstinenz schnell wieder einstellten: „Windsurfen ist wie Fahrradfahren – das verlernt man nicht“.
Comeback einer Sportart
Jeder Sport hat seine Zeit. So war es beim Skifahren, bis das Snowboarden kam. Dachten damals viele, bis die Carving Ski etliche zurück auf die Piste lockte. Ähnliches spielt sich derzeit auch auf dem Wasser ab. Die Surfcracks von damals kehren zurück an die Seen und Strände. Denn auch das Windsurfen hat sich weiterentwickelt. Die Zeiten von riesigen, schweren Boards und wackeligen Segelkonstruktionen sind längst vorbei. Neue, leichte Boards und komfortable Segel machen das Gleitvergnügen so einfach wie nie - für Kinder, wie für Erwachsenen. Was früher wagemutigen Kerlen vorbehalten war, lässt sich heute mit der ganzen Familie erleben.
Irgendwann kommen sie alle zurück
„Es tut sich was“, meint auch Falko S., 65 Jahre, Vorstand eines Surfclubs am Bodensee. Waren es noch vor ein paar Jahren eine übersichtliche Menge an Surfern, die an windigen Tagen an den See kamen, um zu surfen, wird es heute wieder eng am Strand. „Fast wie in den 80ern. Dabei sind es nicht nur die Jungen, sondern man sieht immer öfter Gesichter, die man vor 15, 20 Jahren das letzte Mal bei Surfen gesehen hat. Sie kommen alle zurück.“ Das zeigen auch die Zahlen des Instituts für Demoskopie in Allensbach. So steigen die Aktivenzahlen im Windsurfen nach Jahren des Rückgangs seit 2006 nun wiederholt an. Und einen beträchtlichen Anteil an den unerwarteten zweistelligen Zuwächsen haben die über 40- und auch die über 50jährigen.
Die richtige Zeit
Woran das liegen mag? Nun, die Surfer von damals haben heute Kinder im richtigen Alter, die auch Windsurfen wollen. Das bringt die Väter wieder aufs Brett, wie das Beispiel von Walter S. zeigt. Aber es ist nicht nur der Nachwuchs, sondern viele der ehemaligen Windsurfer sind nun in einer Lebensphase, in der wieder Zeit für Freizeitaktivitäten ist. Viele haben sich im Beruf etabliert, eine Familie gegründet, vielleicht die eigenen vier Wände gebaut. Nun ist wieder Zeit für anderes, und die nötigen Mittel hat man jetzt auch, ganz im Gegensatz zu damals, während der Ausbildung oder dem Studium, als man alles hatte, aber kein Geld.
Windsurfen - heute komfortabler denn je
Der Zugang zum Windsurfen ist heute komfortabler denn je. Zahlreiche Surfstationen an Seen und Küsten orientieren sich an den veränderten Kundenbedürfnissen und dem Wunsch nach individueller Freizeitgestaltung. Viele wollen sich nicht nur auf ein Hobby festlegen. Aber das Equipment für zahlreiche Freizeitaktivitäten zu kaufen ist kostspielig.
Eine sinnvolle Möglichkeit stellt da das Mieten des Materials dar. Gut ausgestattete Windsurfschulen bieten aktuelles Equipment zu moderaten Mietpreisen an, wie man es auch schon aus dem Wintersport kennt. Man spart sich so auch den Materialtransport und das Auf- und Abriggen. Gleichzeitig gibt das Mieten Gelegenheit bei knapper Freizeit und guten Windbedingungen binnen kürzester Zeit auf dem Board zu stehen. Wer wieder voll einsteigen möchte kann so auch unterschiedliches Material testen bis der optimalen „Partner“ gefunden ist.
Gleichgesinnte gesucht
Obwohl Windsurfen eine Individualsportart ist, reizt gerade die Kameradschaft unter den Surfern viele der Wiedereinsteiger. Fachsimpeln unter Gleichgesinnten, Berichte über den letzten Surfurlaub, schwelgen in Erinnerungen alter Tage in gemütlicher Runde am Strand. Wer auf der Suche nach einem Partner für diesen Sport ist findet meist unkompliziert am Strand oder in einer Surfschule innerhalb kurzer Zeit Anschluss. In Windsurfkursen können verlernte Techniken spielerisch aufgefrischt und schnell motivierende Fortschritte erzielt werden. Für jedes Alter und jede Könnensstufe gibt es heute spezielle Kursangebote, so auch für die „Windsurfer der ersten Generation“.
Surfen bis ins hohe Alter
Aber auch noch ältere Semester haben in den letzten Jahren vermehrt das Windsurfen für sich (wieder-) entdeckt. So zum Beispiel Irene D. (73) aus Hamburg. Windsurfen ist heute nicht nur Extremsport für Jugendliche! Nach einem schönen Tag abends bei einem lauen Sommerlüftchen ruhig über den See zu gleiten ist entspannender als manche Massage.
Die Erfahrung lehrt, wie wichtig es ist, sportlich aktiv zu sein. Auch im fortgeschrittenen Alter leistet Windsurfen einen wichtigen Beitrag. Fähigkeiten wie Feingefühl, Gelenkigkeit und Geschicklichkeit bleiben so bewahrt.
Keine andere Sportart verbindet so viele einzigartige Eigenschaften wie das Windsurfen. Es fördert die Selbstentfaltung, weckt positive Gefühlsregungen und lässt den Sportler mit der Natur verschmelzen, wenn er schwereloses über das glitzernde Wasser gleitet. Fast spielerisch werden das Gleichgewicht geschult und wichtige Muskelgruppen trainiert. „Einmal vom modernen Windsurfvirus angesteckt, wird man es bis ins höchste Alter nicht mehr los“, sagt Irene, und strahlt über das ganze Gesicht.
Und so werden wohl in Zukunft immer mehr Menschen wieder nach sich im Wind bewegenden Baumwipfeln Ausschau halten, denn Windsurfen verlernt man nicht!
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