
Windsurfen, ein Sport voller Dynamik und Kraft, wurde jahrzehntelang von erfahrenen Windsurfern beherrscht, welche eine ausreichende physische Substanz aufweisen konnten. Der große und kräftige Körperbau eines 36-fachen Weltmeisters Björn Dunkerbeck war Synonym für Erfolg. Mit der neuen Generation Windsurfer, haben weitere Attribute Einzug gehalten: Gelenkigkeit, spielerische Leichtigkeit und Eleganz, mit welchen es die neuen jungen Wilden im World Cup Zirkus geschafft haben, die ältere Generation vom Thron zu stoßen und vom Hof zu jagen. Die jüngste Disziplin im Windsurfen, das Freestyle war Auslöser für diese Revolution.
Von der Karibik bis zum heimischen BaggerseeKeikiSurfer
Windsurfen intensiv zu betreiben wurde plötzlich überall möglich, da diese neue Disziplin an jedem See trainiert werden kann und nicht auf Starkwind oder Wellen angewiesen ist.
„Freestylen kann man immer und überall, egal wie das Wasser und der Wind gerade sind“, sagt Philipp Köster (17). Und er muss es wissen: Philipp windsurft, seit er 8 Jahre alt ist, er ist der letztjährige Gewinner der Big Days (einem großen Surfevent, der nur bei richtigem Sturm stattfindet) und hat schon verschiedene Preise abgesahnt. Als jüngster Teilnehmer surfte er schon mit 14 bei den internationalen Wettbewerben der „Großen“ mit, surfte ganz entspannt über haushohe Wellen.
„Anfängern würde ich zum Freestylen auf flachem Wasser raten“, meint Philip, „da kann man ziemlich schnell kleine Sprünge machen. Schon in der ersten Saison kann man ein paar Manöver lernen, mit denen man seine Kumpels garantiert beeindruckt – zum Beispiel einen Air Jibe“. Beim Air Jibe wendet man nicht einfach, sondern dreht das Board im Sprung um 180 Grad.
Die aktuelle Freestyle-Weltmeisterin ist ebenfalls sehr jung: Sarah-Quita Offringa aus Aruba ist gerade einmal 19 Jahre alt. Mit 14 war sie bereits die zweite der internationalen Weltrangliste, mit 15 auch – und mit 16 und 17 Jahren hat sie sie angeführt! Ihr Tipp für Freestyle-Anfänger: „Lernt voneinander! Freunde sind gute Trainingspartner. Außerdem ist es leichter, als ihr glaubt – probiert es einfach mal!“
Ricardo Campello aus Brasilien gilt as Begründer der “Revolution”: Bereits mit 14 Jahren sorgte der in Venezuela lebende Brasilianer mit Manövern für Furore, welche bis dahin für schlichtweg unmöglich gehalten wurden. In den Augen der altgedienten Windsurfelite erschienen die Kunststücke der gelenkigen Newcomer wie die Aufhebung der Gesetze der Physik.
Ricardo und seine Mit-„Begründer“ des Freestylens haben eines gemeinsam: sie alle stammen aus dem Fischerörtchen El Yaque auf der Karibikinsel Margarita. Der Hawaianer Josh Stone bereiste diese Insel und setzte mit seiner „New School of Freestyle Maneuvers“ den den wichtigsten Impuls für das, was nun folgen sollte. Es begann im Kleinen und sollte eine ganze Sportart verändern. Ein wahrer Windsurf-Boom brach unter den Kindern des kleinen Fischerdörfchens aus. Mit ihrer spielerischen Leichtigkeit, dem Rhythmus aus Merengue und Salsa seit Generationen im Blut, wurden aus den Fischersöhnen schnell die ersten Top Stars im Freestyle. Nicht nur das Ricardo Campello auf Anhieb Vize-Weltmeister und dann dreimal Weltmeister in Folge wurde, auch Diony Guadagnino, Cheo Diaz, Alexis Zabala, Colette Guadagnino und der jüngste Freestyle-Weltmeister in der World Cup Historie Gollito Estredo, alle samt aus El Yaque, wurden ab sofort zu „den“ Markenzeichen im Freestyle.
Als nächste „infizierte“ der Freestyle-Virus die Karibikinsel Bonaire,welche mittlerweile wahrscheinlich zur Talentschmiede Nummer eins im Freestyle geworden sein dürfte. Die flache Lagune des Spots Lac Bay gepaart mit konstantem Wind und der Tatsache, dass sich die in zahlreichen Windsurf-Videos zelebrierten Manöver nur auf Flachwasser umsetzen ließen, brachte nicht nur sehr schnell die Top World Cup-Fahrer Tonky und Taty Frans sowie Kiri Thode hervor, sondern magnetisierte die Jugend der gesamten Insel.
Doch auch in Europa fasste der neue Trend schnell Fuß: eine Gruppe junger europäischer Freestyler zwischen 17 und 25 mischt nun die Wettkampfszene auf. Unter dem Motto „European Freestyle Battles“ haben sie Freestyle-Pros in ganz Europa zum Wettkampf aufgerufen. Die Eventserie fand 2010 erstmals in Deutschland statt und ist bereits fester Bestandteil der offiziellen deutschen Windsurfserie DWC.
Initiator Adrian Beholz (21) ist selbst passionierter Freestyle-Windsurfer. Er erklärt: „Das Windsurfen ist heute zu einer von vielen Funsportarten geworden, was es genau ausmacht, wissen viele Außenstehende nicht. Doch gerade das Freestyle-Windsurfen ist extrem lässig, jung und attraktiv für den Zuschauer. Es könnte dem Windsurfen wieder das verdiente junge Image verleihen.”
Aus diesem Grunde rief Adrian, in Kooperation mit Andre Paskowski, mehrfacher Deutscher Meister und Europameister sowie der gesamten deutschen Freestyleszene die Wettkampfserie German Freestyle Battles ins Leben. Schnell fand das Projekt Unterstützung durch die internationale Freestyle-Szene: “Die Battles entwickeln sich gerade zu einer weltweiten Serie. Der erste Wettkampf außerhalb Deutschlands fand letztes Jahr in der Schweiz statt, dieses Jahr sind weitere Battles in Griechenland, Großbritannien und den Niederlanden geplant”, so Adrian.