















Er hat das Windsurfen bekannt gemacht, ihm ein Gesicht gegeben, den Sport vorangetrieben wie kaum ein anderer, immer neues Material erfunden, neue Tricks ersonnen. Und genau das tut Robby Naish noch heute, mit vorbildlicher Lässigkeit.
Wenn Surfen eine Droge ist, dann ist Robby dein Dealer. Er gibt dir, was du brauchst. Verlässlich liefert er seit Jahrzehnten Topergebnisse, bestes Material für Spaß auf dem Wasser und radikalste Manöver – auf Film gebannt oder live am Strand. Rastlos aber mit unendlich viel Freude macht er das. Kein Dealer auf diesem Planeten ist charmanter und zuvorkommender als Robby Naish. Die lebende Legende. Der Sunnyboy. Der Windsurf-Botschafter.
Wie beschäftigt „Mr. Windsurfing” ist, erfuhren wir höchst selbst. Robbys Antworten auf unseren Fragenkatalog kamen mit dreimonatiger Verspätung. Dafür aber mit äußerst charmanter Notiz: „Sorry, dass ich so lange nichts von mir hab hören lassen. Die Tage sind einfach zu kurz. Aber alles ist super, ich war viel auf dem Wasser. Aloha, Robby“. Diese Lässigkeit ist vorbildlich.
Windsurfset im Schaufenster
Geboren wurde Robert Staunton Naish am 23. April 1963 im kalifornischen La Jolla. Vater, Rick, eigentlich Lehrer, war da schon ein Star unter den Surfern, allerdings unter den Wellenreitern. Rick soll schon damals Riesenwellen geritten haben. Einige Jahre später zog die gesamte Familie nach Hawaii. Dort organisierte Rick unter anderem Katamaran-Regatten. Robby und sein Bruder Randy waren da noch Knirpse und tollten in den Pazifikwellen umher. Von bunten Windsurf-Segeln war damals unter hawaiianischer Sonne nichts zu sehen. Doch es gab sie, auf dem Festland. In Kalifornien wurde schon fleißig stehgesegelt. 1971 kam dann das erste Windsurfset auf die Inseln, ins Schaufenster eines Segelshops in Honolulu, vor dem Robby und Randy es bestaunten.
Freunde von Robby kauften ein solches Surfset. Doch Robby Naish, gerade elf Jahre jung, war schlicht zu klein und zu schwach, um das schwere Segel aus dem Wasser zu ziehen. Doch er hatte ja einen großen Kumpel: „Mike“. Also zog Mike das Segel raus, hielt es fest und gab es Robby. Mike sprang ab, Robby surfte. Wenn das Segel ins Wasser plumpste, kam Mike angeschwommen und half beim Rausziehen – aller Anfang ist schwer.
Erster Weltmeister-Titel mit 13
Robby übte und übte und konnte das Segel bald allein aus dem Wasser fischen. Er war infiziert. Also leerte er sein Sparschwein und kaufte sich selbst einen Windsurfer. Üben, üben, üben. Mit 13 tritt Robby auf den Bahamas bei der Weltmeisterschaft an: er gewinnt. Mit dem Sieg von damals ist er bis heute der jüngste Weltmeister aller Zeiten. 1977 war das. Doch das Material ist damals noch alles andere als perfekt. Robby, sein Vater Rick und etliche Freunde aus der Surfszene basteln nun an eigene Windsurfboards, testen, verbessern und bauen neu. Mit Erfolg: Rick wurde damals von der renommierten Marke Mistral als Shaper und Berater eingestellt, Robby selbst wird dadurch der erste Teamfahrer, quasi unbezahlt.
Heute tragen nicht nur schrill bemalte Handmade-Boards den Namen Naish in dicken Lettern. Segel, T-Shirts, Kite-Material, Trapeze, Wellenreit-Bretter, DVDs und und und. Im Naish-Shop gibt es mittlerweile alles, was das Surferherz begehrt. „Wir lieben, was wir machen. Und wir fahren was wir herstellen“, schreibt Naish im Netz. In der realen Welt sammelte er im Laufe der Jahre 24 Weltmeistertitel, zog in die PWA-Hall of Fame des Windsurfens ein, wurde zum Helden einer Sportart. Und zu dessen Botschafter: Kaum eine Surfveranstaltung auf der Robby Naish nicht anwesend ist und den Sport promotet. Jede Fernsehsendung, jeder Artikel über das Windsurfen – Naish ist fast immer dabei und er genießt es, wie er sagt.
Windsurfen wird vielleicht als Nischensport angesehen, dennoch wurde Naish in die Jury des „Sport-Oscars“, dem Laureus World Sports Awards, berufen. Hier erhalten verdiente Sportler ihre Lorbeeren. Ferner hat sich Naish als Innovator von Surfausrüstungen einen Namen gemacht. Bahnbrechende Neuerungen im Windsurfsport, wie etwa Fußschlaufen auf dem Board, das durchsichtige Fenster im Segel oder das Trapez gehen maßgeblich auch auf sein Konto. Die Marke Naish ist aus dem Segment heute kaum noch wegzudenken. „Wir haben uns zu einem echten Board-Sports-Unternehmen entwickelt. Sind noch immer recht klein und in Privatbesitz“, freut sich Naish.
Um den Sport wieder auf das Popularitätslevel der 80er-Jahre zu heben, müsste er sich verändern, sagt Naish: „Das Material muss zugänglicher werden. Wenn Windsurfen bei wenig Wind und flachem Wasser Spaß macht, werden mehr Menschen surfen gehen. Wenn es wie derzeit, besondere Wetterverhältnisse braucht, um richtig Spaß zu haben, dann ist das Wachstum schlicht vom Wetter limitiert.“ Wenngleich die Popularität des Windsurfens ihren Zenit in den 80er Jahren erreicht hatte, macht sich Naish keine Sorgen um den Sport: „Es ist und bleibt ein wunderbarer Sport.“
Der geborene Soulsurfer
Ähnlich viel Wind, wie mit dem Segel in der Hand, macht Naish auch unter dem Kiteschirm. 1998 und 1999 holte er sich auch in dieser Sportart Weltmeistertitel. 2003 stellte er den Speed-Weltrekord auf. Doch eigentlich ist Naish der geborene Soulsurfer. 2001 beendete er sein Profikarriere. Was nicht heißt, dass er das Wasser nicht mehr zum Kochen bringt. „Ich möchte auch weiterhin auf Toplevel surfen, das ist mir persönlich extrem wichtig. Ich bin fast jeden Tag auf dem Wasser.“ Doch es muss nicht mehr um Titel gehen. „Eigentlich war ich immer eher von meinen Träumen als von Zielen geleitet.“ Das Ende als aktiver Profisurfer kam für Naish jedoch nicht ganz freiwillig. Björn Dunkerbeck löste den Altmeister ab. Die beiden sollen sich damals nicht sonderlich lieb gehabt haben, das ist jedoch Schnee von gestern: „Im Laufe der Jahre sind wir gute Freunde geworden, besonders seit wir beide weniger Wettbewerbe fahren.“
Nach Jahren im Weltcup-Zirkus geht es Naish gemütlicher an. Auf Maui hat er sich ein „kleines“ Paradies geschaffen. Legere 300.000 Quadratmeter ist es groß. Jede Menge Platz für Mr. Windsurfing und Familie. Frau Carol, Tochter Nani, inzwischen 26, selbst talentierte Wellenreiterin und Töchterchen Christina, gerade 17 Monate jung, gehören zum innersten Naish-Clan. Und jede Menge Platz für Autos gehört auch dazu: „Ich habe noch immer ein Faible für Motorsport, aber nicht die Zeit, ihn auszuleben. Der Tag ist einfach zu kurz für all die Dinge, die ich tun möchte – ob auf dem Wasser oder an Land.“ Auf dem Wasser lässt sich Naish noch immer regelmäßig blicken, gemeinsam mit Suflegenden wie Dave Kalama oder Jason Polakow, die zum erweiterten Naish-Clan zählen.
Und noch immer sitzt Robby Naish viel im Flugzeug. Nach wie vor kommt er oft nach Deutschland. Zu Sylt hat er eine ganz spezielle Verbindung, 1978 war er zum ersten Mal auf der Insel. So ist der Weltcup im Herbst immer rot in seinem Kalender markiert. Kein Wunder, dass Naish inzwischen sehr gut Deutsch spricht.
Surfen, Essen, Autofahren
Mit deutschen Tugenden hat sein perfekter Tag allerdings weniger gemein, da ist er ganz Amerikaner: „Ein gesunder Tag ist ein guter Tag. Frühstück mit der Familie, danach eine Stand-Up-Paddel-Session. Dann eine Runde Windsurfen in drei-Meter-Wellen vor Hookipa, am Nachmittag mit ein paar guten Kumpels ein bisschen Kiten. Nach dem Abendessen eine Spritztour in etwas Schnellem.“ An das Windsurfen, den Sport der ihn da hin gebracht hat, wo er heute ist, kommt für ihn aber nichts ran. „Das ist ein riesiger Teil von mir. Ich liebe nichts mehr, als einen guten Windsurf-Tag.“
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