Jim Drake - Erfinder des Windsurfens

Der Windsurfsport hat im wahrsten Sinne eine stürmische Geschichte: Angefangen hat alles mit einer „Schnapsidee“, aus der wurde ein Patent. Aus der patentierten Idee wiederum wuchs eine Sportart und schließlich eine ganze Industrie. Und mehr als das: ein Lebensgefühl. Verdient hat der Erfinder kaum etwas, zumindest nicht Geld.

 

Machen wir uns nichts vor. Einer einzelnen Person die Erfindung des Windsurfsports zuzuschreiben wäre vermessen. Da sind die Segelschiffe, die seit Jahrtausenden Wind zur Fortbewegung auf dem Wasser nutzen, da sind die Polynesier, die seit Ewigkeiten Wellen abreiten, um nur zwei Aspekte zu nennen. Doch letztlich umgesetzt hat die Idee, ein schwimmendes Board mit einem fest damit verbunden, beweglichen Segel auszustatten, einen Mensch darauf zu stellen und ihn das Gefährt kontrollieren zu lassen, mit größter Wahrscheinlichkeit der Kalifornier James (Jim) Drake.

 

Fotos Starboard
Detailzeichnung des "Skate" von 1967

 

Irgendwas wasserskiartiges, mit Segel

1962. Jim Drake Flugzeugingenieur seines Zeichens, saß abends mit seinem Freund und Arbeitskollegen Fred Payne beim Essen. Die beiden gingen damals oft segeln, liefen Wasserski und wedelten verschneihte Berghänge hinab. Fred hatte sich gerade ein Haus am Fluss gemietet und meinte: „Wir sollten mal mit etwas rumprobieren, mit dem man auf dem Fluss, nur vom Wind angetrieben, fahren kann. Irgendwas wasserskiartiges mit Segel.“ Drake fand die Idee spitze. Die beiden dachten damals an einen großen Drachen, den sie mit den Händen steuern. „Wir redeten bis die Sonne aufging, es gab reichlich Remy Martin“, erinnert sich Drake. In den folgenden Wochen dachte Jim oft an das Gespräch, rechnete auch ein wenig, verwarf die Idee mit dem Drachen aber bald. Dennoch: „Das Konzept, stehend auf einem Brett etwas in Händen zu halten“ hielt er für großartig.

 

Vorbild Großsegler

Mitte der 60er-Jahre gab es auf dem Markt dann auch einige „Sailboards“, die seiner Idee nahe kamen. „Die waren schwer und hatten eine schlechte Aerodynamik, der Pilot saß darauf“, erklärt Drake. Zeitgleich arbeiteten an der US-Ostküste und in England ebenfalls Tüftler an ähnlichen Ideen, die aber nie ernsthaft weiterentwickelt wurden. Die Drakes waren damals mit der Nachbarsfamilie Schweitzer eng befreundet. Gemeinsam machten sie viele Ausflüge, Wasserskilaufen an der Baja in Mexiko. Eines Abends, im Jahr 1966, saßen Drake und Hoyle Schweitzer zusammen, auf dem Tisch stand wieder ein Fläschchen Cognac. Jim erzählte von seiner Idee, Hoyle gefiel sie ausgezeichnet: „Lass uns so ein Board bauen.“ Kurz darauf war das erste Board fertig. Nun galt es, ein Segel zu entwickeln. Drake zerbrach sich den Kopf darüber, wie das Segel auf dem Brett befestigt werden konnte und wie man selbiges kontrollieren könne. Er dachte erst an traditionelle Ruder. Doch es musste andere Wege geben: „Traditionelle Segler nutzen nur ihre Segel“, fiel ihm ein. Als Vorbild galten von nun an Großsegler, die ihre Raren verstellen, um die Richtung zu ändern.

 

Foto Starboard

 

Allmählich kommen wir dem Ganzen näher. Drake wollte aber nur mit einem Mast hantieren. Den, beziehungsweise den Druckpunkt des Segels, wollte er bewegen können. Diese Idee, man mag sie Geistesblitz nennen, wie sich später zeigen sollte, war eine sehr gute. Nur, wie bewegt man ein Segel? Da gibt es zwei Möglichkeiten: entweder linear auf einer Schiene, was mechanisch komplex wäre, oder rotierend. Jedenfalls braucht man ein Gelenk dafür. „Das ist das Teil, das einen Windsurfer bis heute von allen anderen Segelfahrzeugen unterscheidet“, sagt Drake. Er entschied sich für letzteres und dachte an eine Art Kardangelenk, das er auf dem Deck befestigte. So könne man das Segel in alle Richtungen bewegen. Nur, wo und wie hält man ein schlabberiges Segel, das sich in alle Richtungen dreht?

 

Eintrittskarte Gabelbaum

Etwas gabelbaumähnliches war seinerzeit bereits erfunden, oder sagen wir so, an der Ostküste hatten ihn einige Boote an ihren Segeln, um diese zu spannen. Da hatte er sich jedoch nicht bewährt. Für Drake dagegen war er die Eintrittskarte in die Welt des Windsurfens: „Das war die Vorlage. Ich wusste, ich kann stehend das Segel steuern.“

 

In seiner Garage klebte Drake Kiefernlatten aufeinander und brachte sie in Form. Am vorderen Ende fügte er die Holme mit Gurtband zusammen und kreierte eine Art Korsett, das den Mast aufnehmen sollte. Fertig ist die Gabel. Fiberglasmast, den Hoyle Schweitzer auftrieb, und Holzgabel brachte Drake zu Bob Broussard, einem befreundeten Segelmacher. Der nähte ein Tuch, das in das Gerüst passte und einen dicken Bauch hatte.

 

Sein eigener Surflehrer
1967, Mai. Mit seiner Frau, den Kindern, einer 8-Millimeter-Kamera und natürlichem dem Surfer im Gepäck ging es ans Meer. Genau gesagt an die Marina del Rey, bei Los Angeles. Dort trafen sie zufällig ihren Segelmacher, luden ihn ein und bauten den Surfer auf. Drake probierte ihn als erster, in dem er auf dem Brett stand und versuchte, das Segel zu bewegen. Er hatte zwei „Verbinder“ für Segel und Brett dabei. Die erste Version, bei der sich das Segel nur längs der Brettachse bewegen ließ, erwies sich schnell als ungeignet. Das ganze System war starr. Ließ man das Segel los, so kippte es samt Brett. Die zweite, Kardan-Version, erwies sich als besser. Nur zeigte sich schon beim ersten Versuch, dass sich das Segel nicht aus dem Wasser heben lässt. „Ich hatte einfach nicht daran gedacht.“ Also musste Segelmacher Bob Broussard beim Aufrichten des Riggs helfen.

 

Der erste Tag auf dem Wasser war also entmutigend. Auf der Heimfahrt grübelte Drake, wie sich das Segel aufrichten lassen könne. Ganz einfach, fiel ihm ein: „Ziehen.“ Zwei Wochen später ging es mit einer Startschot wieder ans Meer: „Ich kletterte aufs Brett, zog das Segel hoch und brachte mir selbst Surfen bei.“ Wer sonst hätte es ihm auch beibringen sollen?

 

Die erste Surferparty
Hoyle Schweitzer organisierte im Anschluss eine Party, um die Geburt des „Skate“, wie sie den Surfer damals nannten, zu feiern. Es gab also ein zünftiges Fest, vielleicht die erste Surferparty die es je gab. Da der Name „Skate“ bereits vergeben war, tauften sie das Gefährt „Baja Board“. Doch auch der sollte nicht lange bleiben. Ein Marketingmensch aus Seattle, namens Bert Salisbury, sah das Set eines Tages am Strand, hielt seinen Wagen an und sagte: „Jesus, ich weiß einen Namen dafür: Windsurfer.“

 

Fotos Starboard

 

1969. Die Erfolgsgeschichte des Windsurfers nimmt ihren Lauf. Jedenfalls ließen sich Drake und Schweitzer ihren Entwurf patentieren. Drake aber hatte kaum eine Ahnung vom Potential der Erfindung. Das erkannte Hoyle dafür umso schneller. „Hoyle hatte da schon Geschäfte im Kopf, ich hatte noch so meine Bedenken“, sagt Drake. Hoyle Schweitzer begann also mit der Vermarktung, wenig später rief er bei Drake an und wollte das Patent übernehmen, um den Surfer weltweit zu vermarkten. „Das wollte ich nicht, ich wusste ja nicht, wie viel es Wert war. Außerdem hatte ich einen gut bezahlten Job.“

 

Hoyle übernahm das Unternehmen quasi ungefragt und gründete es als Windsurfing International neu. Drake arbeitet weiterhin als Ingenieur. Auf Drängen verkaufte Drake sein Patent schließlich: für 36.000 Dollar. „Hoyle verdiente Millionen“, sagt Drake etwas zerknirscht. Durch die ganze Streiterei zerbrach die Freundschaft, was Drake am meisten bedauert. „Aber weißt du“, sagt er mit ruhiger Stimme: „Die Welt hat jetzt das Windsurfen.“

 

- Schnitt -

 

Jim Drake ist 1929 geboren. Er lebt mittlerweile in North Dakota und hat mit seinen heute 79 Jahren immer noch vier Boards in der Garage. Von sich selbst sagt er, er sei nie ein sehr guter Windsurfer gewesen, das Konstruieren hatte ihm mehr Spaß gemacht. Drake hat die Entwicklung des Windsurfens mit all seinen Höhepunkten, wie beispielsweise die Aufnahme ins Olympische Programm 1984 in Los Angeles, mit Freude, aber wohl auch mit etwas Bitternis verfolgt. Seit einigen Jahren arbeitet Drake wieder in der Windsurfbranche, als Berater der Boardmarke Starboard. Hier kann er wieder das tun, was ihm am meisten Freude bereitet hat: Windsurfer entwickeln.

 

Links

Zeitgeschichte auf Video: Jim Drake am 21. Mai 1967 bei seinen ersten Versuchen mit seiner neuen Erfindung in Marina del Rey, Kalifornien (USA)

Story: Die Geschichte des Windsurfens - Der Traum vom Fliegen

Interview des surf Magazin Redakteurs Steve Chismar mit Jim Drake 2002

Interview des American Windsurfer Magazine mit Jim Drake 1996 (englisch)

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