

Eine kleine Geschichte über eine großartige Sportart
1964: An einem warmen Sommertag testet der amerikanische Tüftler Newman Darby zusammen mit seiner damaligen Freundin Naomi Albrecht am Trailwood-See in Pennsylvania ein kielloses Floß mit handgenähtem Segel.
-Schnitt-
2007: Der brasilianische Wave-Weltmeister Kauli Seadi kracht nach einer atemberaubenden Sprungkombination aus Vorwärts – und! Rückwärtssalto auf das aufgewühlte Wasser vor Gran Canaria. Der Australier Jason Polakow bezwingt vor der hawaiianischen Küste 20 Meter hohe Monsterwellen. Der Geschwindigkeitsrekord für segelgetriebene Wasserfahrzeuge wird vom irischen Windsurfer Finian Maynard gehalten (90,2 km/h). (Seit dem 5. März 2008 ist der Franzose Antoine Albeau neuer Weltrekordhalter.)
Ausnahme-Athleten und High-Tech-Entwicklungen lassen den Puls des Fortschritts im Windsurfen immer schneller schlagen. Windsurfen steht heute am vorläufigen Ende einer in der Sportwelt einzigartigen Evolution. Kaum eine Sportart hat sich in so kurzer Zeit so weit entwickelt. Der nächste Schritt ist jedoch wiederum nur einen Herzschlag entfernt.
Erfindung Teil I
Doch zurück zu den Anfängen: Newman Darby und Naomi Albrecht heiraten. Ihre Entwicklung eines mit Segelkraft gesteuerten Boards wird publiziert und verkauft. Mit Windsurf-Baukästen, so genannten „Sailboard-Kits“, macht sich das junge Paar selbstständig. Leider endet ihr Vorhaben wenig später nicht zuletzt wegen eines Brandes im Werk in der Pleite. Der Siegeszug von Brett und Segel verläuft sich, bevor er richtig begonnen hat, wieder im Sand.
Erfindung Teil II
Einige Jahre später jedoch hat der Kalifornier Jim Drake eine Idee. Der Flugzeugdesigner heckt mit seinem Freund, dem Geschäftsmann Hoyle Schweitzer, beim gemeinsamen Abendessen einen ähnlichen Ansatz aus, ohne von Darbys Erfindung zu wissen. Die Unmittelbarkeit des Wellenreitens soll mit der Geschwindigkeit des Segelns kombiniert werden. Der Mastfuß findet mittels eines Kardan-Gelenks seinen Platz auf dem Brett, das Segel bekommt nach langer Grübelei einen Gabelbaum verpasst. Dieses Grundkonzept hat bis heute Bestand – Windsurfen war erfunden!
1969 patentieren beide ihren durchdachten Entwurf. Sie gründen die Firma „Windsurfing International Inc.“ und bauen „Windsurfer“ in der Surfboard-Fabrik eines bekannten Wellenreiter-Herstellers. Anfang der Siebziger erscheint im Werksmagazin des Kunststoff Konzerns Dupont ein Bericht über die Produktion ihre Bretter. Das Blatt wird auch in Europa gelesen, und Windsurfen wird dort zum ersten Mal wahrgenommen.
Die Eroberung Europas
Die exotischen Ideen aus dem Magazin lassen den Träumen von Sportfans im kalten Deutschland Flügel wachsen, und bald werden jenseits des großen Teichs die ersten Boards in Heimarbeit gebastelt. Der oft leichte Wind an deutschen Seen harmoniert gut mit dieser noch jungen und aufregenden, neuen Sportart, und Ende der Siebziger platzt der Knoten. Das Windsurf-Fieber bricht aus, und es ist äußerst ansteckend, besonders in Deutschland.
Windsurfen – der Rock’n’Roll des Sports
Das trendige Windsurfen wird zum Mainstream-Vergnügen, an der Garagenwand jedes dritten Haushalts lehnt ein Brett. Ohne einen Windsurfer auf dem Autodach kann man sich auf den Boulevards der deutschen Metropolen nicht mehr sehen lassen, den Gardasee kann man vor lauter Windsurfern zeitweise trockenen Fußes überqueren. Es ist ein wahnsinniger, wilder Spaß, unter der strahlenden Sonne über das Wasser zu rauschen, mit nassen Haaren und einem Grinsen im Gesicht. Was der Rock’n’Roll für die Musik war, war Windsurfen für den Sport.
Beschränkte sich damals das Sportangebot für das Gros der jungen Leute meist noch auf Sportarten wie Fußball, Leichtathletik und Turnen, die allesamt in engen, festgeschriebenen Reglements betrieben werden, so schwappte mit dem Windsurfen eine Sportart aus Amerika herüber, die vollkommen anders war. Windsurfen war viel mehr als ein Sport, Windsurfen war ein Lebensgefühl. Werte wie Unabhängigkeit und Freiheit konnten hier ausgelebt werden, für die in den traditionellen Sportvereinen wenig Platz war. Windsurfen bot den Menschen die Möglichkeit Teil der einzigartigen, weltweiten Surfergemeinschaft zu werden, obwohl man nicht auf Hawaii lebte und das nächstgelegene Gewässer nur ein kleiner Baggersee war.
Freundschaft und Verrat
Hoyle Schweitzer, der den eigentlichen Gründervater des Sports, Jim Drake, 1972 dazu gedrängt hatte, ihm seinen Anteil am Patent zu verkaufen, verdient zum Leidwesen seines alten Freundes mit dem Verkauf von Lizenzen nach Europa Millionen. Lizenzstreitigkeiten bestimmen vor allen Dingen die technische Weiterentwicklung des Windsurfens über Jahre hinweg.
Da Vincis Erben
Die frühen Achtziger Jahre verwandeln den neuen Trend in ein nie da gewesenes, neues Lebensgefühl. Es ist eine Zeit, in der die Windsurfing-Szene vor Energie vibriert. Starke Winde und eindrucksvolle Wellen, die das neu entdeckte Surfmekka Hawaii bislang zu einem sehr schwierigen Pflaster für die Brettkünstler gemacht hatten, werden durch die Entwicklung von Fußschlaufen und Trapez endlich bezwingbar. Auch die Boards werden den anspruchsvollen Bedingungen angepasst. Windsurfen hat eine neue Heimat gefunden.
Sinnbildlich das legendäre Lichtbild des Serien-Champions Robby Naish, der bereits 1977 vor Kailua auf der Hawaii Insel Oahu mit einem massiven Windsurfer, mit Holzschwert und Dreieckssegel, in einem spektakulären Sprung von der Wasseroberfläche abhebt. Leonardo da Vincis Traum vom Fliegen wird in diesem Augenblick im Surfsport zum ersten Mal, für einen Wimpernschlag, Wirklichkeit.
Die Blütezeit
Die Sehnsucht, es Robby gleichzutun, nach Freiheit und Abenteuer, zieht Menschen in aller Welt in ihren Bann. Für das Windsurfen brechen goldene Zeiten an. Bis heute nicht wieder erreichte Teilnehmerzahlen bei Regatten, die Geburt des World Cups und die Olympia-Premiere 1984 setzen dieser unglaublichen Entwicklung die Krone auf. Die Bretter werden leichter, schneller, lassen sich immer einfacher surfen. Windsurfen wird zur Massenbewegung.
Ein neues Zeitalter
Die besten Windsurfer reiten zu Beginn der Neunziger Jahre auf dieser Euphoriewelle und werden zu absoluten Superstars. Vor allem der Niederländer Björn Dunkerbeck dominiert die Wettkampfszene. Das Fun-Image des Sports weicht jedoch mehr und mehr der Konzentration auf teures High-Tech-Equipment. Ausrüstung scheint wichtiger als der Spaß auf dem Wasser. Zur gleichen Zeit drängen andere, simplere Trendsportarten wie das Skateboarden ins Rampenlicht und stehlen dem Surfen Marktanteile.
Im neuen Jahrtausend jedoch lebt dieser einzigartige Sport wieder auf. Attraktive neue Disziplinen wie das innovative, jugendliche Freestyle oder das spektakuläre Indoor-Surfen, das Windsurfen direkt von den Stränden in die Metropolen transportiert, begeistern von Neuem das Publikum. Das Material ist nicht mehr nur auf hohe Leistung ausgelegt, der unkomplizierte Freizeitspaß rückt wieder in den Vordergrund.
Die Zukunft
Die aktuellen Topfahrer – von den revolutionären Waveridern Kauli Seadi und Victor Fernandez bis hin zum bärigen Racer und Speedweltrekordler Antoine Albeau – haben das Zeug zu internationalen Stars weit über die Grenzen des Windsurfsports hinaus und könnten in die riesigen Fußstapfen von Dunkerbeck und Naish treten. Fast 40 Jahre nach den ersten Tests mit Brett und Segel erlebt Windsurfen nun eine Renaissance.
Das Surffieber grassiert wieder, die Aktivenzahlen steigen. Ihr könnt dabei sein! Der nächste Baggersee oder Strand ist näher als ihr denkt. Wie und wo erfahrt ihr hier.
Links
Interview des surf Magazin Redakteurs Steve Chismar mit Jim Drake 2002
Interview des American Windsurfer Magazine mit Jim Drake 1996 (englisch)
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